15.10.-18.10. | Wortlos schreitet die Nonna voran, wir folgen ihr. «Una nota?» fragt sie. Also ob wir das wüssten. «Si, Si» antworte ich. Meine Standardantwort in Italien. Die Nonna erklärt uns geduldig, dass bald die Francesca kommen würde. Die spräche dann Englisch und wir könnten dann bei ihr den Papierkram erledigen. Während sie das sagt, schaut sie Carina an und fügt am Ende mit einer abwertenden Handbewegung hinzu: «capice niente». «io capito» sage ich stolz. Die Nonna schreitet von dannen und mit ihr die Hunde. «pieltatsch» fordert Finn. Damit meint er die rostige Schaukel und das in die Jahre gekommene Plastikspielhaus was er als Spielplatz enttarnte. Das Agriturismo ist wie man es erwarten würde. Auf mehreren Terrassen verteilt, liebevoll bepflanzt findet sich da ein Olivenbaum, dort ein Gehege mit Ziegen. Und Pfauen hat es. Diese Vögel können auf Bäume hoch flattern! Faszinierend und irgendwie schräg anzusehen. Der Ast biegt sich bedrohlich unter der Last von diesem grossen Tier. Was es auch noch hat sind Mücken. Viele Mücken. Mit bereits geschwollenen Fussgelenken kämpfe ich gegen die Plage an während ich mit Finn die Statik der Schaukel herausfordere. Die Nonna hat erbarmen und kommt mit Anti-Brum al italiana daher und irgendwelchen Feuchttüchern. Auch Finn soll ich damit einreiben. Ich zeige auf Finns Neurodermitis und sage «critico». Sie weist mich mit der Manier einer gelernten Drogistin auf die Aufschrift «Family» hin. Zögernd reibe ich Finn mit den familienfreundlichen Antibrumfeuchttüchern ein. Oh Mann bin ich ein «People pleaser». In gewissen Situationen fällt es mir schwer für mich einzustehen. Ich bin der, der einer redseligen Person gut und gerne mal eine halbe Stunde zu hört. Gar dazu ermuntert, weiter zu reden. Anstatt einfach zu sagen: ALSO…ich sett dann mal und zu gehen. Der «People pleaser» in mir will einfach gefallen. Letztlich wollen wir doch alle einfach geliebt werden. Themen wie Selbstliebe oder Selbstwertgefühl kommen mir in den Sinn. Ich merke gerade, ich verliere mich etwas beim Schreiben. Lasst mich dieses Thema hier abschneiden und vielleicht in einem anderen Beitrag drauf zurückkommen.
Wir sind also auf diesem idyllischen Agriturismu in Fano. Gut ausgeschlafen möchten wir nun endlich ans Meer. Dies bedeutet der Veloanhänger muss runter. Der ist nämlich gleichzeitig unser Kinderwagen. Eine Viertelstunde später sind wir einsatzbereit und marschieren ab. Alles schaut fasziniert unserem Gefährt hinter her. Sogar angesprochen werden wir. «Ah you can convert it to use it with the bicycle? » Sowas scheint man in Italien nicht zu kennen. Mir ist das Teil natürlich wieder zu bünzlig und ich schäme mich fast ein bisschen für unser wuchtiges Gefährt. Als wir damit aber am Strand entlangkurven muss ich schon zugeben: Wieder eine gute Entscheidung von Carina. Finn möchte sofort ins Wasser. Es ist sonnig warm. Wir merken bereits die Breitengrade welche wir bis dahin überwunden haben. Badehosen montiert und ab geht’s. In diesem Moment stimmt wieder Alles. Carina rennt zusammen mit Finn entlang des Strandufers. Ich habe Paula ganz nahe bei mir im Tragetuch und schiebe unser Amphibienfahrzeug den beiden hinterher. Ich fühle mich wahnsinnig frei und präsent. Genau deswegen machen wir das, denke ich mir.
Aus dem Bauch des Queridoos, so heisst unser dreirädriger Reisebegleiter, zaubern wir ein Picknick und lassen uns auf ein paar Steinen nieder. Den ganzen Nachmittag geniessen wir den Strand und das Meer. Finn schläft nach ein paar Minuten glücklich und ausgepowert in seinem Sitz ein. Die Eltern gönnen sich derweil ein Gelati und Kaffee. So gemein. Nebst Genuss ist auch noch Planen angesagt. Heute ist Sonntag. Unsere Fähre geht erst am Dienstag. Ancona liegt mit etwas mehr als einer Stunde in Schlagdistanz. Wir beschliessen also noch ein bisschen in Fano zu bleiben. Ich erreiche Francesca übers Handy und erfahre, dass wir nur noch eine Nacht bleiben können. Das Agriturismo und das dazugehörige Restaurant sind nur noch am Wochenende geöffnet. Wir sollen dann hinter uns das Tor schliessen wenn wir gehen. Alles klar, dann brauchen wir noch eine Übernachtungsmöglichkeit von Montag auf Dienstag. Gerne würden wir uns einfach irgendwo hinstellen. Aber in dicht besiedelten Orten ist das gar nicht so einfach. Normalerweise steuern wir unseren Schlafplatz nicht erst an wenn es dunkel wird. Das bedeutet, dass unser kleiner Entdecker natürlich die gesamte Umgebung erkunden möchte. Erkundet wird nicht etwa ausschliesslich mit den Augen wie wir Erwachsene das leider viel zu oft nur noch machen. Nein erkundet wird auch , und nicht zu knapp, mit Händen und Mund. Also langer rede kurzer Sinn: Wir wollen nicht auf irgendeinem versifften Parkplatz stehen.
So, genug geplant. Wir gehen zurück zu unserem Schlafplatz. Dort stelle ich mich gleich an den Herd. Carina macht mit Finn und Paula die Gegend unsicher. Kochen im Hörby macht mir grossen Spass und ich vergesse die Welt um mich. Plötzlich durchbricht ein lauter Schrei diese Harmonie. Ich höre Finn schreien und Carina’s aufgebrachte Stimme. Alle drei kommen sichtlich aufgelöst beim Hörby an. «Wo hat er dich gebissen?» , fragt Carina immer wieder. Finn weint und zeigt auf seinen Bauch. Wir können keine Verletzung feststellen. Nirgends Blut oder Kratzspuren. Carina schildert mir, dass  Finn sehr nahe an einem der liegenden Hunde vorbeirannte. Dieser tierische Senior schreckt auf, weil er offensichtlich schlecht hört und schnappt aus Reflex nach Finn. Carina, die einen Meter dahinter steht, sieht nicht wo der Hund zubeisst. Dies erzählt sie mir und  steht offensichtlich unter Schock. Finn beruhigt sich langsam wieder und wir können auch nach gründlichem Untersuch keine Bisswunde feststellen. Es dauert noch bis am nächsten Morgen, bis wir die mittlerweile blau gefärbte Verletzung an der Brust sehen. Da haben wir nochmals Glück gehabt. Das braucht man als Eltern ab und zu.
Nach langem recherchieren beschliessen wir übrigens, für die letzte Nacht vor der Fähre, auf einen Camping zu gehen. Der ist wunderschön gelegen in den Hügeln vor Ancona. Nach einer kurzen aber lauten Fahrt, Paula fährt immer noch nicht gerne Auto, kommen wir an. Wir sind die einzigen Gäste auf dem gesamten Platz. Es kann einem ausgestorben vorkommen. Ich mag es.
Früh am nächsten Morgen stehe ich auf und mach mich auf den kurzen Fussmarsch zur Dusche. Barfuss laufe ich durch das heruntergefallene Laub. Weit hinten am Horizont sehe ich einen roten Feuerball aufsteigen. Ich fühle eine Welle der Dankbarkeit. Es ist ein Geschenk den Tag so beginnen zu dürfen. Und was für ein Tag es sein wird! In wenigen Stunden sind wir auf der Fähre nach Griechenland.
An dieser Stelle noch eine Danksagung die untergegangen ist. Mein lieber Freund Mätu, es war ein riesen Gaudi mit dir unsere Homepage zu verunstallten. Ich danke dir von ganzem Herzen für deinen meeeega Einsatz als Webmaster.