Donnerstag 13.10.22 – Der Titel könnte auch heissen «Erster Stopp: Giswil». Mit einer weinenden Carina und einer schreienden Paula verlassen wir die Gemeinde Lungern. Ich bin schon völlig am Ende als die Ausfahrt Giswil erscheint. Konzentriert auf einen ruhigen, tiefen Atem lenke ich nach rechts und nehme die Ausfahrt. Unser erster Halt ist also in Giswil vis-a-vis vom Coop. Während Paula gestillt wird, gehen Finn und Ich einkaufen. Für unsere zarte Häute brauchen wir noch eine Flasche vom gewohnten Waschmittel. Die Gallseife darf natürlich auch nicht fehlen. Als Camper hat man schliesslich alles dabei und ist für jeden Fall gewappnet. Ich wehre mich ein bisschen gegen diese bünzlihafte Art. Wenn es nach mir gegangen wäre, sässen wir jetzt auf einem Wagen hinter zwei Maultieren. Oder auf einem Segelschiff. Carinas schlagkräftige Argumente wie: «Du kannst nicht segeln» oder «Du weisst nichts über Esel» haben dies verhindert. Vorerst. Zugegeben Carina ist in unserer Familie für die meisten guten Entscheidungen zuständig. Aber ein bisschen fehlt mir schon das Abenteuer an unserer Unternehmung. So habe ich zum Beispiel Mühe wenn Leute uns sagen «Ihr seid ja mutig!». Nein sind wir nicht. Wir sind einfach privilegierte Menschen, die mit einer kleinen Wohnung auf Rädern Urlaub machen. Gut, wir hätten auch noch schweizerischer sein können und das Geld stattdessen für ein Eigenheim hinlegen können. Wir sind also mutig in dem wir sagen: «Wir geben unser Erspartes aus».

Zurück auf dem Parkplatz vor dem Coop sind alle Einkäufe in unserem sensationellem Kistensystem verstaut. Paulas Hunger ist gestillt. Wortwörtlich. Jetzt geht es also los. Nein. Noch nicht. Erst werden noch Sitze getauscht. Finn ist ab sofort mein Copilot und die Ladies bilden unsere Rückbank. So kann Carina unser jüngstes Familienmitglied während der Fahrt ein bisschen bespassen. Wie so oft wenn Eltern Pläne schmieden, machen die Kinder ihre eigenen. Nächster Halt: Stans. «Ich freue mich auf gutes, bewusstes Essen wenn wir unterwegs sind.» Diesen Satz von Carina höre ich in meinem Kopf als ich mit Finn lustlos und doch hungrig auf dem Touchscreen vom Burgerking rum tippe. Eine Bestellung am Tresen kriege in meiner Verfassung nicht mehr hin. Ursprung für diesen kulinarischen Zwischenstopp ist unsere Tochter Paula. Sie schrie uns regelrecht von der Autobahn und so stehen wir, nervlich am Ende und allesamt hungrig, auf dem Parkplatz vom Burgerking. In diesem Zustand ein Abendessen im Camper zu kochen erspare ich mir und allen anderen. So mampfen wir drei eine halbe Stunde später irgendein Cheeselover Burger und Finn verteilt munter die Currysauce am Inventar. Das Fixleintuch das unser wertvolles Polster schützen soll, ist selbstverständlich noch nicht montiert. Ach ja, toll so ein Leben im Camper. Ist noch ein bisschen früh für ein Resümee.
Gestärkt mit vielen Vitaminen von zwei Sundaes sind wir wieder auf der Strasse. Es ist mittlerweile schon dunkel. Paula schläft friedlich. Finn geniesst seinen Front Row Seat. Was für eine schöne Stimmung. Völlig im Reinen mit Allem gleiten wir dahin. Pünktlich nach der letzten Ausfahrt vor dem Gotthard wacht Paula auf. Ich liebe dich meine süsse Tochter. War der Tunnel immer schon so lang? Endlich sind wir auf der Raststätte und Paula kriegt ihr wohlverdientes Dessert. Als wir da so auf dem Rastplatz stehen, wird mir bewusst was es heisst, sich nach dem Rhythmus der Kinder zu richten. Allen erzählte ich wie entspannt wir das angehen werden mit dem Autofahren. Insgeheim dachte ich mir dabei immer, dass dann eh alles super gehen wird.
Finn ist hin und weg von all den Lastwagen die da rumstehen. «Fahrä» sagt er immer und immer wieder und zeigt auf die schlafenden Vierzigtönner. Auch er spürt unsere Anspannung und kann trotz mittlerweile zehn Uhr nicht einschlafen. Irgendwann erreichen wir unseren geplanten ersten Übernachtungsplatz. Ein Sportplatz in der Nähe von Bellinzona. Beim Frühstück ist es unentspannt. Irgendwie hatten wir zu dritt einfach viel mehr Platz. Mit dem letzten Bargeld wird noch der Tank gefüllt und weiter geht es Richtung Grenze. Das Fahren geht ganz gut nachdem Paula den Schlaf findet. Schnell noch ein Videocall um Finns Götti zum Geburtstag zu gratulieren. Abrupt gestoppt von fehlendem Datenroaming. Amateure.
Entspannt geht es weiter Richtung Parma. Carina hat uns dort einen wunderschönen Übernachtungsplatz rausgesucht. Direkt an einem naturbelassenem Fluss, angrenzend an ein Naturschutzgebiet breiten wir unsere Wolldecke aus und geniessen das schöne Herbstwetter. Finn erkundet sofort den Fluss und entdeckt dabei das Gesetz vom Auftrieb. Kein Problem, Dädi fischt den treibenden Crocks elegant heraus. So habe ich mir das vorgestellt. Freudig mache ich mich ans Abendessen. Schon cool wenn man einfach alles dabei hat. Es stellt sich richtige Campingromantik ein. Nachts hört man nur noch die Schiebetüren der Nachbaren. So ein Vanlifer-Pärchen halt, mit Hund. Da ist es! – dieses ewige Urteilen über andere. Ich liebe es zu beobachten. Finde es aber extrem schwierig dabei nicht zu werten. Ein Campingplatz ist eine Herausforderung für mich. Carina erwischt Finn und mich regelmässig wie wir beide mit offenem Mund irgendwelchen Leuten hinterher «guenen». Ich denke es wird in Zukunft nicht an Übungsfelder fehlen. Und es ist einfach schon cheibä interessant was die anderen machen und haben und sagen.
Neuer Tag, neue Reise. Ziel unbekannt. Irgendwo in der Nähe von Ancona. Mal schauen wie weit wir kommen. Tatsächlich schläft Paula den Schlaf ihres Lebens und wir kommen richtig voran. Diesmal ist es Finn dem es irgendwann zu langweilig wird. Übrigens sind wir wieder ganz konservativ unterwegs. Eltern vorn, Kinder hinten. Es macht richtig Spass zusammen die Route zu planen. Und doch sind es strenge Tage. Man muss unglaublich viele Entscheidungen treffen. Halten wir für Zmittag an einem Rastplatz? Was kochen wir? Wie weit fahren wir heute noch? Sollen wir auf einen Camping gehen? Oder doch lieber einen Platz im Grünen? Ist der Diesel in Italien teurer als in Griechenland? Brauchen wir noch Wasser? Welche Fähre nehmen wir? Ja stimmt, die Fähre. Als wir uns anfangs Sommer mal die Preise anschauten lagen die bei ungefähr 350.- Mittlerweile finden wir nur noch Fähren für 750.- oder 940.- je nach Rederei. Dazu kommt noch das die meisten Fähren voll sind. Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Am Ende bezahlen wir 564 Euro und buchen über ein griechisches Reisebüro. Nun wissen wir, wir fahren am 19.10. um 13:30Uhr von Ancona nach Patras. Eine Entscheidung weniger. Da es Finn jetzt wirklich zu bunt wird fahren wir die nächste Ausfahrt raus und landen auf einem kleinen Agriturismo in Fano. Begrüsst werden wir von einer liebenswürdigen Nonna und drei Hunden. Einer dieser Hunde wird uns noch einen gewaltigen Schreck einjagen…