6.12.-20.12.| Wehmütig schauen wir unseren Freunden nach bis sie hinter der nächsten Kurve verschwinden. Was machen wir denn jetzt? Der Kanal von Korinth wollten wir uns unbedingt noch ansehen. Ansonsten gäbe es in Korinth nicht viel Sehenswertes sagt man uns. Aber so ein altes Bauwerk was das Ägäische mit dem Mittelmeer verbindet muss man schon gesehen haben. Bereits von der Burg aus versuchte ich die Wasserstrasse auszumachen. Anfang und Ende sah man sogar ganz deutlich. Also nichts wie hin. Kinder in die Sitze. Navi eingestellt. Los geht’s. Google meint in 15 Minuten sind wir da. Eine höhere Macht wird dies zu verhindern wissen. Wir kurven also von dem Hügel runter. Weiter geht es auf der Hauptstrasse. Das Navi meint bald mal links abbiegen. Genau das mache ich dann auch. Moment mal ist das eine Autobahnauffahrt? «Neue Route wird berechnet.» Ach du Schreck. «Ankunft in 48 Minuten.» Was?! Das kann doch nicht sein. Anstatt unter der Autobahn durchzufahren sind wir jetzt drauf gelandet. Die nächste Ausfahrt ist 30km entfernt. Wir beschliessen diese Fügung anzunehmen und nun ohne Besuch in Korinth in Richtung Süden zu fahren. Jemand sagte mir man komme von einer längeren Reise verändert nach Hause. Ungeduldig wie ich bin, habe ich immer das Gefühl bei mir tut sich da nicht wirklich was. Momente wie diese zeigen jedoch, dass ich mich bereits verändert habe. Ich habe gelernt Dinge leichter anzunehmen wie sie sind. Erwartungen ganz bewusst fallen zu lassen, wenn diese nicht erfüllt werden. Wie mein kleiner Freund Oskar treffend zu sagen vermag: «Sich fest auf etwas freuen, aber nicht enttäuscht sein wenn’s nicht eintrifft.»
So fahren wir also ganz gefügig auf der griechischen Autobahn. Nein wir gleiten. Es ist die erste Autobahnfahrt seit langem. Wir verzichten bewusst auf die schnellen Zubringer. Meiner Meinung nach ist man mit dem Auto eh zu schnell unterwegs. Ich möchte mal eine Reise machen auf der ich alle Distanzen zu Fuss zurücklege. Da kommt auch die Seele problemlos hinterher.
Leonidio heisst unser nächstgrösseres Etappenziel. Wir beschliessen dies erst am nächsten Tag anzufahren und stattdessen irgendwo an der Küste zu übernachten. Den Platz den wir ansteuern ist schon gut besetzt mit drei, vier weiteren Nomaden. Carina ist froh um die Gesellschaft. Ich wär lieber allein. Bald hätte aber auch Carina nichts dagegen ohne Nachbarn zu stehen. Finn hat ein grosses Geschäft in die Windel gemacht und ich bin dabei dies zu beseitigen. Vom hinteren Bett schmeisse ich die Windel aus dem Fenster. Selbstverständlich um diese dann anschliessend im Müll zu entsorgen. Ein streunender Hund kommt mir jedoch zuvor. Kaum berührt die Windel den Boden, schnappt er sich die Beute und rennt damit davon. «Schatz, der Hund hat die Windel!» Rufe ich Carina raus. Diese nimmt sofort die Verfolgung auf. Ich bin ja schliesslich beschäftigt mit Finn. Zur Belustigung der Nachbarn bieten Carina und der Hund ein herrliches Katz und Maus Spiel. Irgendwann gibt sie auf. Die Gründe für das Spielende reichen von fehlender Kondition bis Schamgefühl. Warum Hunde so scharf sind auf Menschenkot erschliesst sich mir nicht. Wir erleben dieses Verhalten jedoch mehrfach auf unserer Reise.
Es ist wiedermal eine atemberaubende Fahrt der Küste entlang bis nach Leonidio. Im kleinen Örtchen angekommen treffen wir vor dem Supermarkt auf Landsleute. «Was? Ihr seid nicht wegen dem Klettern hier?» Lautet die erstaunte Antwort der sportlichen Mutter eines Dreijährigen. Wir sollen uns am Hafen unten auf den Parkplatz stellen. Das sei kostenlos und es habe sogar WC und Stranddusche. Warum nicht denken wir. Am Hafen angekommen stehen über zehn Leidensgenossen. Wir ergattern beinahe den letzten Platz. Es ist ungefähr drei Uhr und der Parkplatz ist wie ausgestorben. Bald jedoch kommt Leben auf den Platz. Fast ausschliesslich junge Leute zwischen 20 und 30. Die Rückkehrer tragen Rucksäcke von denen Kletterfinken baumeln. Mit Finn ist es nicht so entspannt hier. Immer wieder fahren Autos vorbei. Fühle ich mich deshalb nicht wirklich wohl hier? Am nächsten Morgen wird auf den Mauern des Gehwegs gefrühstückt. Der Strand wird für viele zum Wohnzimmer. Und langsam dämmert mir was hier nicht stimmt. Es wird nur genommen. Gratis Klo, Gratis Dusche alles ist vorhanden. Man braucht sich nur zu bedienen. Hier stehen Spanier, Franzosen, Deutsche, Schweizer, Holländer alle in der vordersten Reihe direkt am Meer. Einige stehen hier für mehrere Wochen oder Monate. Wenn wir irgendwo frei stehen machen wir das sehr diskret. Die erste Reihe überlassen wir den Griechen. Die kommen gerne tagsüber oder abends mit dem Auto auf den Parkplatz um einen mitgebrachten Kaffee zu geniessen. Wir versuchen dem Ort auch energetisch irgendetwas zurückzugeben. Einem Kaffee oder einer Bäckerei in der Nähe statten wir immer einen Besuch ab. Ich habe das Gefühl die Leute spüren dieses Verhalten und reagieren fast immer sehr freundlich auf uns. Unsere beiden süssen Kinder haben damit natürlich nichts zu tun.
Wir fahren 100m weiter auf den Campingplatz Semeli und suchen uns dort ein Plätzchen aus. Carina fühlt sich nicht gut und wir beschliessen fürs Erste hier zu bleiben. Krank zu sein unterwegs macht keinen Spass. Da ist man froh man hat Toilette, Dusche und fliessendes Wasser in der Nähe. Nach der Ankunft erkunden wir den Platz, immer in der Hoffnung andere Kinder zu finden. Für Finn ist es einfach schön wenn er jemanden zum Spielen hat. Plötzlich hören wir Kinderstimmen. Aufgeregt folge ich zusammen mit Finn dem Geräusch. Nein, das gibt es ja nicht. Vor uns stehen die Lastwagenzürcher. Sie sind ebenfalls gerade erst angekommen. Die Freude ist riesig die sympathische Familie wieder zu treffen. Während den nächsten Wochen geniessen wir alle unsere gemeinsame Zeit auf und um den Campingplatz. Finn und Alma sind ein richtiges Strolchenpaar. Mit den Laufräder sind sie auf dem ganzen Platz unterwegs. Meist ist auch hier eine stillgelegte Strandbar ihr Ziel. Mit Erde und Laub wird «gekocht». Oder Berge mit Sauerklee in der Campingküche verteilt. Für uns gilt: Ist es länger still, besser mal nachschauen was die beiden aushecken. So verbringen wir dann auch mal zwei Stunden damit, die Wände der Bar von Neocolor zu befreien. Wenn Lorenz nicht rausgefunden hätte, dass WD-40 hilft, wären wir wohl immer noch dran.
Für Carina und mich ist es eine ganz neue und schöne Erfahrung Finn so selbständig machen zu lassen. Die damit verbundene Freiheit geniessen wir enorm.
Die Meiers sind, im Vergleich zu uns, Frühaufsteher. So klopft Oskar nicht selten um Neun bereits ungeduldig an die Tür. Wir lassen uns von seiner Neugier unterhalten und beantworten geduldig die vielen Fragen zur Innenausstattung vom Hörby. «Chochet ier nöd mit Strom?» «Aber chochet ier immer mit Gas?» «Chund da s’Gas usä?» Das Feuer hat es ihm wirklich angetan.
Es ist vorallem das ungezwungene Miteinander was wir sehr schätzen. Mal gehen wir alle zusammen mit den Velos ins Dorf. Am nächsten Tag gehen sie klettern und wir machen unser Ding. Man hat nie das Gefühl aufeinander warten zu müssen oder irgendwie abhängig zu sein. Es ist absolut stimmig und auch die Gespräche während Selma und Paulas Krabbelrunden tun gut. So schön es ist allein als Familie unterwegs zu sein, ich merke stark dass da ein Bedürfnis nach Gesellschaft und Gemeinschaft vorhanden ist. Meiers Reise soll irgendwann weitergehen Richtung Türkei und wir gehen schon bald nach Kreta. Also geniessen wir die gemeinsame Zeit solange wir können.