19.10-22.11. | Ich hinke mit unserem Blog nun über einen Monat hinterher. Anfangs fand ich es spannend davon zu schreiben was vor einer Woche passiert war. Mittlerweile ist es mehr zur Last geworden noch soweit zurückzublicken. Mit ein paar punktuellen Geschichten und Erfahrungen fasse ich in diesem Post den vergangenen Monat zusammen. Hoffentlich kann ich danach zeitnaher berichten.
Freistehen oder Campingplatz ist die Frage als wir von der Fähre rollen. In Stadtnähe fühlen wir uns auf Campingplätzen am wohlsten. Sehr herzlich und mit viel Humor werden wir begrüsst. Mir wird zum ersten Mal so richtig bewusst, dass ich fast kein Wort griechisch kann. Bleibt ja genügend Zeit zum Lernen. Etwas vom Ersten was uns auffällt sind die Hunde, die munter über den Platz spazieren. Den Schrecken von Fano sitzt uns immer noch etwas in den Knochen. Forsch verjage ich den Streuner von unserem Platz. Paula können wir hier sicher nicht unbeaufsichtigt auf die Wolldecke legen. Abends gehe ich nochmals raus aus dem Hörby um aufs Klo zu gehen. Wo ist denn mein zweiter Schuh? Ich bin einigermassen bekannt dafür meine Sachen kopflos zu deponieren. Also suche ich überall, laufe den Camping auf und ab und leuchte mit meiner Stirnlampe in alle Richtungen. Weit und breit kein Schuh. In dieser Dunkelheit ist mein dunkelbrauner Birkenstock aber auch top getarnt. Ist das die Rache von dem Hund den ich zuvor so unfreundlich behandelt habe? Schiesst es mir in den Kopf. Das hab ich jetzt davon, denke ich, ein unschuldiges Wesen unter Generalverdacht zu stellen. Trotzig sage ich zu Carina: «Der ist weg! Jetzt habe ich keine offenen Schuhe mehr. Woher soll ich jetzt hier solche Schuhe herkriegen?» Ja da habe ich ein Hang zur Dramatik. Am nächsten Morgen bietet sich die Gelegenheit den Vierbeiner ins Verhör zu nehmen. «Wo ist der Andere?» frage ich ihn energisch und zeige ihm meinen linken Schlappen. Ganz verschüchtert schaut er mich an und versteht offensichtlich kein Deutsch. Die ganze Geschichte erzähle ich unseren Nachbarn einem Ehepaar aus Luzern. «So einen habe ich da vorne gesehen!» sagt sie aufgeregt. Zusammen laufen wir bis ans andere Ende vom Campingplatz und tatsächlich da liegt er, mein rechter dunkelbrauner Birkenstock.
Aus Angst vor weiteren Diebstählen verlassen wir noch am selben Tag den Campingplatz. Nur um Stunden später auf dem nächsten zu stehen. Dazwischen liegt ein unglaublich anstrengender Einkauf. Carina bleibt draussen bei den schlafenden Kinder. Ich mache mich mit einer riesigen Liste auf den Weg in den griechischen Coop. Creme fraiche, gemahlene Mandeln, Mandelmus und weitere spezifische Produkte bringen mich fast zum Verzweifeln. Oft ist man ja «nur» mit einer Sprachbarriere konfrontiert. Hier stehe ich aber plötzlich vor einer Schriftbarriere. Nach 90 Minuten trete ich mit vielen fehlenden Produkten und völlig am Ende wieder auf den Parkplatz. Beim Einräumen schleichen Kinder um Hörby und fragen nach Geld. Wir geben ihnen Kinderschoggi was sie mit einem «Euro?» verdanken. Mit einem schlechten Gefühl im Bauch fahren wir ab. Ich hasse es Angst um mein Hab und Gut zu haben. Ich fühle mich in diesen Situationen als privilegierter Schnösel. Was ich natürlich auch bin. Aber Mann, ich habe ja auch dafür gearbeitet! Der nächste Gedanke ist dann: Vielleicht sind sie infolge einer Diskriminierung aufs Betteln angewiesen? Wie man es dreht und wendet, beschwingt gehe ich nie aus so einer Situation. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Die nächsten 7 Tage verbringen wir in Glyfa auf einem wunderschönen Camping. 25 Grad und ein wunderschöner Strand lassen uns den Aufbruch- und Reisestress vergessen. Immer mal wieder gehe ich frühmorgens bei Sonnenaufgang mit dem SUP raus. Am Nachmittag schaue ich, dass Carina eine Stunde für sich hat. So pendelt sich eine Art Alltag ein. Wir machen einen ersten Testlauf in Sachen Kuchen backen mit unserem Omnia. Eine Art Backofen für den Gasherd. Nach dem Vermischen aller Zutaten merken wir, dass das Backpulver nicht mitgereist ist. Dies gibt Finn und mir die Gelegenheit eine Velotour zu machen. Neun Kilometer fahren wir durch Olivenhaine bis wir auf den nächstgrösseren Ort treffen. Mit Backpulver und Trockenhefe aber immer noch ohne gemahlene Mandeln machen wir uns auf den Rückweg. Finn verschläft den ganzen Ausflug. Sein Kopf baumelt dabei unentwegt auf seiner Brust hin und her. Zufrieden und geschafft überreiche ich einer  glücklichen Carina die fehlende Zutat. Der Kuchen wird übrigens hervorragend.
Mit Finn mache ich immer mal wieder einen Spaziergang auf dem Campingplatz. An der Rezeption verteilt die nette und auch etwas strenge Camping-Mama feine Granatapfel aus ihrem Garten. Ich frage sie: «Kannst du mir mal zeigen wie man die Dinger richtig schält? Ich glaube ich mache das falsch.» «Junge, ich bin sicher du machst das falsch», sagt sie, setzt ihre Lesebrille auf um damit noch strenger zu wirken und zeigt mir wie es geht.
Spannend zu sehen ist, wie Finn auf sein neues Leben reagiert. Offensichtlich fehlen im die Grenzen von vier Wänden, da wir ständig draussen sind. Wir haben das Gefühl er fordert uns richtig heraus und will dass wir ihm einen klaren Rahmen setzen. Ist ja verständlich, auch wir müssen uns noch an so viel Freiheit gewöhnen. Oft sprechen wir darüber, dass es uns beschäftigt kein Rückreisedatum zu haben. Ich hätte nie gedacht, dass mir das auch schwer fallen kann. Spannend was unser westlicher Kopf da hervorbringt.
Nach einer Woche haben wir genug vom Campingleben und wollen mal für uns sein. Die erste Erfahrung im Freistehen in Griechenland steht uns bevor. Dafür haben wir uns einen Parkplatz direkt am Strand herausgesucht. Mit der App «Park4Night» ist das ja alles ganz easy. Der Strand ist traumhaft schön. Finn geniesst es an der Wasserkante entlang zu rasen. Bei Sturm gehen wir sogar voll in die Wellen. Ich staune nicht schlecht als Finn auch nach einigen Schluck Wasser immer noch nicht genug hat. Mir fällt gerade auf dass ich über Paula sehr wenig schreibe. Das liegt daran, dass sie es einfach super macht. Sie schläft regelmässig mit einem Unterbruch fast durch. Tagsüber will sie überall mit dabei sein. Ihren grossen Bruder lässt sie dabei nicht aus den Augen. Im Tragetuch hat sie das Gesicht zu einem gewandt. Läuft sozusagen rückwärts. Durch den schieren Willen dreht sie sich darin aber fast um die eigene Achse. Nur um zu sehen was Finn da vorne veranstaltet.
Zum Freistehen ist zusammenfassend folgendes zu sagen. Meine Probleme laufen tagsüber ab. Dürfen wir hier stehen? Was denken die Einheimischen über uns? Ich bin auch immer erpicht, dass unsere Erscheinung nicht zu häuslich wirkt. Carinas Themen kommen nach Einbruch der Dunkelheit. Was macht dieses Auto da? Hört man da draussen Schritte? Sie fühlt sich einfach nicht so richtig sicher. Ihr würde es helfen wenn noch andere Camper hier stehen würde. Mir übrigens auch. Trotzdem bleiben wir zwei Nächte und haben wunderschöne Erlebnisse. Strandwanderung mit Finn und Paula in den Tragen, Essen bei Sonnenuntergang und…naja mehr war es auch nicht. Waren ja nur zwei Tage.
Weiter geht’s nach Olympia wo wir uns etwas Kultur und Bildung reinziehen. Schön war’s. Mehr gibt’s dazu nicht zusagen.
Während vier, fünf Tagen reisen wir, quer durchs Inland vom Peloponnes, an die Ostküste. Wir sehen dabei charmante Bergdörfer, imposante Felskloster und verbringen zwei Nächte an einem Stausee. Jeden Tag weiterzureisen empfinden wir als anstrengend. Es ist schwierig einen Tagesrythmus beizubehalten. Das macht sich bei uns und den Kindern bemerkbar. Ausserdem vermissen wir es uns auszubreiten. Beim Freistehen nehmen wir aus Respekt keine Tische und Stühle raus. Wir essen dann im Hörby oder draussen auf einer Wolldecke. Camping also frei nach dem Motto: Haushalt mit Umständen. So geniessen wir dann auch unsere Zeit auf dem Campingplatz in Drepano. Dieses kleine Örtchen liegt ein paar Kilometer von der einstigen Hauptstadt Griechenlands entfernt. Nafplio gefällt uns unglaublich gut. Am Wochenmarkt kommt man ein bisschen was von der griechischen Kultur mit, unterstützt dabei lokale Bauern und bekommt im Gegenzug frische Produkte.
Wir geniessen es ebenfalls nach Drepano zu spazieren, um Brot in der Bäckerei oder Fleisch beim Metzger zu holen. Doch einmal wird dieser Spaziergang zum Abenteuer. Wir wollen nach Drepano um mit dem Bus nach Nafplio zu fahren. Finn sitzt im Queridoo, Carina schiebt und Paula ist bei mir im Tragetuch. Zügig laufen wir die lange gerade Strasse entlang. Sie ist an einigen Stellen gerade so breit, dass zwei Autos einander vorbeikommen. Entlang beider Seiten verlaufen hohe Zäune. Die Mandarinenbauern haben sich gerüstet gegen die hungrigen Touristen. Wir laufen also diese Strasse entlang und auf einmal denke ich: Höre ich da ein Pferd? Ich drehe mich um und sehe einen Schimmel auf uns zu rasen. Die Hufe scheinen höher zu fliegen als sein Kopf. Ein absolut irrer Ausdruck im Gesicht. Hinter sich schleift dieses Biest einen halben Baum her der ein Grossteil der Strasse einnimmt. Carina sagt immer wieder: «Oh mein Gott was sollen wir tun?» Die ganze Szene scheint nicht von dieser Welt zu sein. Das Tier ist noch etwa zehn Meter von uns entfernt. Carina läuft ganz links und klammert sich am Queridoo. Plötzlich merke ich: Shit, auf dieser Seite wird’s uns umfegen mit dem Geäst was da noch kommt. Im letzten Moment reisse ich Carina samt Queridoo in einem U-Turn auf die rechte Seite. Das Gespann rauscht an uns vorbei. Die ersten Worte die ich rauskriege sind: «Vielleicht machen die das hier so?» Später wird klar, dass das nicht ein Gaul war der eifrig Holz transportierte. Sondern offensichtlich durchgebrannt ist. Das halbe Dorf ist auf den Beinen. Wie dieser Baum ans Pferd kam? Wir wissen es nicht und haben es auch nie wieder gesehen.
Die Zeit vergeht und wir verbringen die Tage mit Bobbycar fahren und plaudern mit den Nachbarn. Auf dem Platz stehen etwa zehn Fahrzeuge und es entsteht über die Zeit eine kleine Gemeinschaft. Man hilft sich aus mit Küchengeräten, verteilt selbstgebackenen Kuchen oder setzt sich mit einer Teekanne zum Zvieri dazu. Das gemeinsame Schicksal der Überwinterer scheint irgendwie zu verbinden. Finn kriegt zu seinem zweiten Geburtstag ein Kuchen in der Form einer Eisenbahn und ein Laufrad. Dieses schiebt er fast eine ganze Woche stolz über den Platz. «Willst du dich nicht mal auf den Sattel setzen?» frage ich ihn immer mal wieder und erhalte dafür ohne Ausnahme ein klares Nein. Doch dann kommt eines Tages Marilou auf den Camping. Die Einjährige ist fasziniert von Finn und will ihm überall hinterher. Natürlich will auch er zeigen was er drauf hat und setzt sich doch plötzlich auf den Sattel. Geschickt und als hätte er nie etwas anderes gemacht trabt er mit seinem Laufrad davon. Viel passiert in diesen zweieinhalb Wochen. Paula dreht sich zum ersten Mal vom Rücken auf den Bauch. Kurz vor der Abreise schafft sie es auch in umgekehrter Reihenfolge. Es gibt vieles was uns an dem Ort hält. Letztlich reisen wir weiter mit Lust auf neue Abenteuer und Zeit die nur uns Spiris gehört.